EHRENGAST: ZÜLFÜ LIVANELI

Ein Gigant der Bescheidenheit

Es ist wahr, in Deutschland kennt man ihn bestenfalls aus der Zeit seines Exils und vor allem durch seine Vertonungen der Lyrik von Nazim Hikmet. Beiden gemein ist eine lange Zeit unerwiderter Liebe zu ihrer Heimat – Hikmet starb im Exil, seine grandiosen Gedichte waren lange Zeit verboten. Livaneli freilich konnte zurückkehren, sogar triumphal.

Aber Livaneli haderte niemals mit seinem Schicksal, das ihn wiederholt zum Heimatvertriebenen machte. Es machte ihn schöpferisch. So komponierte er, der als Saz-Spieler schon in jungen Jahren eine große Reputation hatte, hunderte von wunderbaren Liedern, indem er die türkische Musik mit europäischen Musikinstrumenten harmonisch verschmolz und damit Vorbild wurde. Er sang sie selbst und fand Interpreten wie die Griechin Maria Farantouri oder auch die Amerikanerin Joan Baez und neuerdings Jocelyn B. Smith.

Die Konzerte nach seiner Rückkehr in die Türkei sind eine Legende. Als ein Openair-Konzert mit über einer halben Million Menschen gigantische Dimensionen annahm, war er längst zur Symbolfigur einer freiheitlichen Demokratie der Türkei geworden.
Livaneli war immer und ist politisch aktiv, ohne sich einer Parteidisziplin unterzuordnen, schrieb und schreibt Zeitungsartikel zu tagespolitischen wie kosmopolitischen Ereignissen, erhebt immer wieder seine Stimme, ohne je laut zu werden.

Ganz unaufgeregt entwickelte er über die Jahre hinweg seine unglaublich vielen Talente und stellte diese in den Dienst seiner politischen Verantwortung: Er schrieb international erfolgreiche Romane, dessen letzter, »Mutluluk«, als Verfilmung bei diesem Filmfestival zu sehen sein wird, er schrieb Musik für Ballett und Theater, natürlich auch für viele bedeutende Filme anderer Regisseure, u.a. zu den Meilensteinen des türkischen Kinos: »Yol« (»Der Weg«) und »Sürü« (»Die Herde«).

Zülfü Livaneli + Maria Farantouri
Zülfü Livaneli + Giora Feidman

Gar nicht zu überschätzen ist schließlich sein kulturpolitischer Einfluss bei der Annäherung der Griechen und Türken. Als noch jegliche Kommunikation zu Griechen in der breiten Öffentlichkeit ein großes Tabu war und es einem Verrat am Vaterland gleichgesetzt wurde, eroberte er in den 80er Jahren die Herzen der Griechen mit eigenen Kompositionen und gemeinsamen Konzerten mit seinen griechischen Musikerfreunden Maria Farantouri und Mikis Theodorakis, um auch die immer noch hohen psychologischen, historisch bedingten Grenzen zwischen der Türkei und Griechenland niederzureißen. Und zwar ohne Gewalt, dafür mit Musik, mit Versöhnungsangeboten.

Nicht zufällig waren Jahre später gerade die Griechen die Ersten, als internationale Hilfe bei der verheerenden Erdbebenkatastrophe bei Istanbul benötigt wurde. Diese Entspannung auf der Volksebene erlaubte es schließlich, dass kürzlich ein griechischer Ministerpräsident seinen türkischen Amtskollegen in Ankara nach fast 50 Jahren Abstinenz besuchen konnte.Zülfü Livaneli ist ein Intellektueller, zugleich ein intuitiver Diplomat des Humanen von einem Zuschnitt, wie man ihn vergleichsweise in Deutschland so nicht finden wird. Folgerichtig wurde er auch 1995 zum Friedensbotschafter der UNESCO ernannt.Das »Filmfestival Türkei/Deutschland« ist stolz, Zülfü Livaneli als Ehrengast in dieser Stadt zu haben und sein Lebenswerk mit dem Ehrenpreis des Festivals zu ehren. Anlass genug, zwei seiner Filme und ein dokumentarisches Filmporträt über sein Leben zu präsentieren, sowie – als Weltpremiere! – ein ganz besonderes Konzert mit seinen Liedern zu veranstalten. Dem Publikum stellt er sich zu einem persönlichen Gespräch.

von Osman Okan über Zülfü Livaneli: als pdf-Datei 

Programm mit Zülfü Livaneli:
28.2.2008 - Festivaleröffnung
Ehrenpreisverleihung
Tafelhalle, 19:00

29.2.2008 - Seine Filme
18:00 Der Nebel
18:30 Eisenerde Kupferhimmel
20:00 Eine Priese Menschlichkeit: Livaneli
21:00 Gespräch mit Zülfü Livaneli
Alle Veranstaltungen im K4

1.3.2008 - Konzert
"Jocelyn B. Smith sings Zülfü Livaneli"
Weltpremiere
Tafelhalle, 20:00

Presseartikel zu Zülfü Livaneli aus den 80er Jahren

Der Spiegel, Ausgabe 18/83
Volksstimme, 10.12.1989
Hamburger Morgenpost, 5.7.1980
Weser Kurier, 13.3.1989
Die Zeit (Mitte der 80er)